Bericht des Stellenleiters
Das Jahresende gibt mir Gelegenheit zurückzublicken, den Trägergemeinden Rechenschaft abzulegen und einer weiteren Öffentlichkeit von meiner Tätigkeit zu erzählen. Ich freue mich über alle, die meinen Bericht lesen, sich so über die «Ehe- und Familienberatung Rheintal» informieren und dann Menschen in Lebens- und Beziehungskrisen auch zu einem rechtzeitigen Gang zur Beratungsstelle ermuntern.
Meine Arbeit war und ist stets getragen vom Wunsch, Beziehungen von Menschen in Partnerschaften, Ehen und Familien zu unterstützen, zu ermutigen, zu begleiten und dort, wo Hindernisse diese Beziehungen gefährden, bedrohen oder gar zerstören, beizutragen, diese Hindernisse wahrzunehmen, zu verstehen und nach Möglichkeiten ihrer Beseitigung zu suchen.
Im Berichtsjahr suchten mich wie schon jedes Jahr zahlreiche Einzelpersonen mit sehr unterschiedlichen Fragestellungen auf und gelegentlich auch ganze Familien, aber vorwiegend doch Paare mit dem Wunsch nach Paar-Therapie.
Bei dem Wort «Therapie» denken wir zunächst an Patienten, an Krankheiten und an Heilung. Ist also bei der Paar-Therapie das Paar der Patient und sind die Partner krank und der Heilung bedürftig? So verstanden wäre das in den meisten Fällen ein Missverständnis. Bei der Paar-Therapie geht es um die Beziehung der Partner. Die Beziehung ist sozusagen der Patient und in dem Sinne krank, dass die Partner sich in ihr nicht mehr wirklich wohl fühlen. Und Heilung heisst in diesem Zusammenhang, dass die Beziehung so wiederhergestellt wird, dass die Partner darin wieder gut leben können, dass Liebe zwischen ihnen erneut fliessen kann oder, wenn das nicht möglich ist, dass die Beziehung auf eine gute Weise beendet wird.
Mit Paar-Therapie verbinde ich also nicht die Vorstellung von Patienten und von Krankheit im üblichen Sinn. Es geht um Beziehungsstörungen, um Kommunikationsprobleme und Partnerkonflikte, unter denen die Partner leiden, die sie aber allein nicht zu lösen vermögen, weshalb sie sich an mich als Fachmann für Beziehungsfragen wenden. Was ich anbiete, kann man Paar-Therapie oder Paar-Beratung nennen. Ich sehe da keinen grossen Unterschied. Es geht bei beidem um dasselbe: Gute Lösungen für ein befriedigendes Zusammenleben oder eine faire Trennung zu finden.
Wer sich vorstellt, dass ein Paar ein Problem bei mir abgibt und ich dafür die Lösung in Form eines Ratschlags aushändige, der liegt natürlich falsch. So einfach ist die Sache nicht; denn erstens sind die Partner oft sehr verschiedener Meinung darüber, was eigentlich das Problem ist, oder sie sind sich überhaupt im Unklaren darüber, worin es besteht. Und zweitens kann der beste Therapeut nicht auf Anhieb eine massgeschneiderte Lösung präsentieren. Dazu sind die Dinge meist zu komplex und zu individuell. Es geht vielmehr darum, dass sich das Paar unter meiner Anleitung und mit meiner Unterstützung auf eine gemeinsame Suche einlässt, während der das Problem zunächst genauer erfasst und verstanden wird und dann gemeinsam angemessene Lösungsschritte erarbeitet und erprobt werden. Ich bin also auf eine intensive Zusammenarbeit der Klienten mit mir angewiesen. Dafür ist die Aktivität beider Partner erforderlich. Das setzt natürlich voraus, dass beide motiviert sind, die momentane Situation zu verändern und in die Veränderungsarbeit Zeit und Kraft zu investieren. Die Bereitschaft dazu muss sicher nicht gleich von Anfang an und in gleichem Mass bei beiden da sein. Wenn sie aber auf Dauer bei einem oder gar bei beiden fehlt, dann hat Paarberatung natürlich nicht den erhofften Erfolg.
Noch in meiner Kindheit – und das ist jetzt doch schon einiges mehr als 50 Jahre her – gab es weder Eheberatungsstellen noch Paartherapeuten. Es fehlte damals offenbar die Nachfrage. Hatte die Generation unserer Eltern weniger oder keine Beziehungsprobleme? Sind wir heute weniger beziehungsfähig? Hat die heutige Wegwerfmentalität auch die Liebe erreicht? Ich bin sicher: Das alles ist nicht der Fall. Wir haben es mit der Paarbeziehung heute einfach erheblich schwerer als unsere Vorfahren. Über die vielfältigen Gründe dafür habe ich mich an dieser Stelle schon öfters geäussert. Einen etwas paradox scheinenden Grund möchte ich aber ansprechen: Die Instabilität heutiger Beziehungen ist wohl nicht eine Folge von Bindungslosigkeit oder Beziehungsunfähigkeit. Sie ist viel eher die Konsequenz des hohen Stellenwertes, der Beziehungen für das persönliche Glück heute beigemessen wird und der hohen Ansprüche an deren Qualität.
Hier liegt wohl der grosse Unterschied zu früheren Generationen. Wir haben in Beziehungsdingen einen viel höheren Qualitätsanspruch und deshalb und daran scheitern wir oft. Weil die Generationen vor uns solche Ansprüche an die Beziehung zwischen Mann und Frau nicht kannten, fehlen uns die Modelle dafür. Was wir heute unter Paarbeziehung verstehen und was wir in ihr an erfülltem Leben suchen, das haben wir keineswegs mit der Muttermilch eingesogen oder aus unseren familiären Milieus mitbekommen. Darum suchen Paare Beratungsstellen und Paartherapeuten auf: Um das nötige Beziehungs-know-how zu lernen oder zu verbessern, damit die Wünsche und Sehnsüchte an die Beziehung erfüllt werden. Nicht selten läuft es dann aber darauf hinaus, dass die Ansprüche selbst reduziert werden müssen, um zu einem realistischen Verständnis von Beziehung und Liebe zu kommen, mit dem das Paar gut leben kann und trotzdem weder die eigenen Fähigkeiten und Möglichkeiten überfordert noch die des Partners.
Paartherapie braucht es also oft für ein realistisches Beziehungs-Lernen: Was muss ich, musst Du ändern oder entwickeln, damit unverzichtbare Ansprüche an die Beziehung realisiert werden können? Und welche unrealistischen Bilder und Vorstellungen von Beziehung und Partnerliebe müssen abgebaut werden, damit wir an ihnen nicht scheitern? Brauchbare Antworten darauf gibt es nicht aus dem Rezeptbuch. Sie müssen individuell und auf den Einzelfall bezogen gesucht und entwickelt werden.
Ich darf am Ende des Berichtsjahres mit Genugtuung feststellen, dass dort, wo Paare wirklich bereit waren, sich mit mir gemeinsam auf diesen Entwicklungsprozess einzulassen und – bei allen Enttäuschungen und Verletzungen – erneut um Verständigung zu ringen und neue Wege zu suchen, dass dort meine Unterstützung und Begleitung oft nützlich und manchmal auch erfolgreich war.
Das möchte ich auch denen sagen, welche die finanziellen Mittel zur Verfügung stellen. Sie sollen wissen, dass sie ihr Geld mit Gewinn in eine wichtige und lohnende Aufgabe investiert haben. Und sie sollen ebenfalls wissen, dass ich für diese Bereitschaft grosse Dankbarkeit empfinde. Und wenn die Träger der Beratungsstelle sich zu Recht auch für die im Anhang aufgeführten Zahlen interessieren, werden sie mit Genugtuung feststellen, dass die Dienste der «Ehe- und Familienberatung Rheintal» im abgelaufenen Jahr – wie schon immer – in hohem Mass gefragt waren.
Woran ich an dieser Stelle wieder einmal ausdrücklich erinnern möchte: Die «Ehe und Familienberatung Rheintal» ist eine spezialisierte Stelle, die sich hauptsächlich mit Beziehungsfragen rund um Partnerschaft und Familie befasst. Sie wird weitgehend von den beiden Landeskirchen getragen und versteht ihr Angebot als moderne Form kirchlicher Diakonie. Damit ist sie in keiner Art ein konkurrierendes, sondern ein ergänzendes Angebot in der Kette sozialer Institutionen der Region. Gerade ihr klares weltanschauliches Profil macht sie für eine Reihe von Klientinnen und Klienten zu einer beliebten Adresse, wenn es gilt, Rat und Unterstützung bei Lebens-, Paar- und Familienfragen zu suchen.
Rorschach, Dezember 2009
Lic. phil. Felix Häne, Psychotherapeut SPV
