Jahresbericht 2011

ZurĂĽckblicken
Das Jahresende gibt mir Gelegenheit zurückzublicken, den Trägergemeinden Rechenschaft abzulegen und einer weiteren Öffentlichkeit von meiner Tätigkeit zu erzählen. Ich freue mich über alle, die meinen Bericht lesen, sich so über die «Ehe- und Familienberatung Rheintal» informieren und dann Menschen in Lebens- und Beziehungskrisen auch zu einem rechtzeitigen Gang zur Beratungsstelle ermuntern.

Im Berichtsjahr suchten mich wie schon jedes Jahr zahlreiche Einzelpersonen mit sehr unterschiedlichen Fragestellungen auf und gelegentlich auch ganze Familien, aber vorwiegend doch Paare mit dem Wunsch nach Beratung, Begleitung, UnterstĂĽtzung und Therapie.

Mir fiel auf, dass – ausgesprochen oder unausgesprochen – manchen Paaren, die schon lange zusammenleben, die Frage auf der Zunge lag: «War das schon alles?» Sie waren mit der Entscheidung für oder wider die Fortsetzung ihrer Partnerschaft und Ehe besonders intensiv konfrontiert: Die Kinder sind aus dem Haus. Sie selber können auf einige Höhepunkte und gemeisterte Krisen zurückblicken. Die beruflichen Ziele sind weitgehend erreicht. Biologisch ist der Zenit schon überschritten. Und schleichend oder plötzlich ist bei ihr oder ihm die Sehnsucht da, nochmals etwas ganz Neues zu erleben. Da will die langjährige Beziehung nicht mehr so recht in die Aufbruchstimmung passen.

Eine solche Situation macht deutlich, dass in langjährigen Beziehungen zwei Kräfte besonders wirksam sind: Auf der einen Seite ist es die wachsende Vertrautheit, die sich als durchaus angenehmes Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit um das Paar legt. Auf der anderen Seite ist es das, was man am ehesten wohl als «Abnutzung» beschreiben könnte. Man gewöhnt sich aneinander. Die Beziehung wird fad und monoton. Das Besondere wird selbstverständlich und verliert an Wert. Es ist ein bisschen wie beim Lieblingsessen: Wenn wir es täglich serviert bekommen, wird es uns früher oder später verleiden.
Vertrautheit und Abnutzung werden zu Gegenspielern, weil beides mit zunehmender Beziehungsdauer stärker wird. Bei der Vertrautheit zum Vorteil der Paarbeziehung, bei der Abnutzung zu deren Nachteil. Deshalb brauchen Paarbeziehungen, die von Dauer sein sollen, einen besonders grossen Schutz gegen Gewöhnung und Monotonie. Die Übung der Achtsamkeit, die ich im ersten Teil meines Jahresberichtes ausführlich erläutert habe, ist vielleicht der wichtigste und beste Schutzschild gegen diese Risikofaktoren einer Langzeitbeziehung. Achtsamkeit gibt der Paarbeziehung Tiefe und hält sie lebendig.

Am Ende des Jahres blicke ich zwar nicht ohne einen nüchternen Blick auf meine persönlichen Grenzen und gelegentlichen Misserfolge, aber insgesamt doch zufrieden und mit der Überzeugung zurück, dass ich manche Ratsuchende – Männer und Frauen – in der Hoffnung, die sie in ihrem innersten Herzen tragen, bestärken konnte: dass es wirklich möglich ist, sich ein Leben lang zu lieben und zusammenzubleiben. Und dass es lohnenswert und notwendig ist, sich jeden Tag neu zu engagieren für eine verlässliche, tiefe und tragfähige Partnerschaft, in der Geborgenheit, Liebe, Achtung und Wertschätzung erfahrbar wird.

Zählen
Ich wende mich mit meinem Bericht besonders an die vielen Träger, welche die finanziellen Mittel für die «Ehe- und Familienberatung Rheintal» zur Verfügung stellen. Sie sollen wissen, dass sie ihr Geld mit Gewinn in eine wichtige und lohnende Aufgabe investiert haben. Und sie sollen ebenfalls wissen, dass ich für diese Bereitschaft grosse Dankbarkeit empfinde. Und wenn die Träger der Beratungsstelle sich zu Recht auch für die im Anhang aufgeführten Zahlen interessieren, werden sie mit Genugtuung feststellen, dass meine Dienste auch im Berichtsjahr wiederum gefragt waren.

Erinnern
Woran ich an dieser Stelle wieder einmal ausdrücklich erinnern möchte: Die «Ehe und Familienberatung Rheintal» ist eine spezialisierte Stelle, die sich hauptsächlich mit Beziehungsfragen rund um Partnerschaft und Familie befasst. Sie wird weitgehend von den beiden Landeskirchen getragen und versteht ihr Angebot als moderne Form kirchlicher Diakonie. Es war schon immer Tradition der verschiedenen Kirchen, Menschen gerade auch in kritischen Lebensphasen zu begleiten und bei schwierigen Entscheidungen zu unterstützen. Diese Unterstützung ist ein Zeichen der Solidarität und ermöglicht Menschen die Erfahrung, auch im Scheitern getragen zu sein – von Gott und den Menschen. Mit der «Ehe- und Familienberatung Rheintal» setzen die Kirchen ein sichtbares und wirksames Zeichen an einen Gott, der nicht das Leid und den Tod will, sondern das «Leben in Fülle.» Weil Kirche für alle da ist, steht das Angebot der Beratungsstelle auch allen Menschen offen, unabhängig vom gesellschaftlichen Status, Hautfarbe, Geschlecht, sexueller Orientierung, Nationalität, Religionszugehörigkeit, Weltanschauung und finanziellen Möglichkeiten.

Ich verstehe meine Tätigkeit als eine Form und spezifische Ausprägung heilender Seelsorge. Damit ist sie in keiner Art ein konkurrierendes, sondern ein ergänzendes Angebot in der Kette sozialer Institutionen der Region. Gerade ihr klares weltanschauliches Profil macht sie für eine Reihe von Klientinnen und Klienten zu einer beliebten Adresse, wenn es gilt, Rat und Unterstützung bei Lebens-, Paar- und Familienfragen zu suchen.

WĂĽnschen
Lassen Sie mich das erneut sagen: Ich freue mich einfach darüber, wenn Männer und Frauen, welche diesen Jahresbericht in die Hände bekommen, etwas Zeit in seine Lektüre investieren. Und wenn Sie darüber hinaus all denen einen Gang zur Beratungsstelle empfehlen, die
— ihre Konflikte nicht mehr selber lösen können
— ihren Partner oder ihre Kinder nicht mehr versstehen
— keine Freude an der Beziehung mehr haben
— deren sexuelle Beziehung unbefriedigend ist
— an Trennung oder Scheidung denken
— Erziehungsprobleme haben
— Wachstumsimpulse suchen
— über ein persönliches Anliegen in einem geschützten Raum reden möchten
— an ihrem Leben leiden und auf der Suche nach seinem Sinn sind.

Danken
Beim RĂĽckblick auf das vergangene Jahr wird mir deutlich, wie viele GrĂĽnde zum Dank ich habe:
— den Kirchgemeinden und den politischen Gemeinden, die mit ihrem Geld einen wichtigen Dienst an Ehe und Familie möglich machen
— allen, die mit mir zusammengearbeitet oder mir Ratsuchende überwiesen haben.
— der Aufsichtskommission und ihrem Präsidenten, Herrn Emil Zeller, und ihrem Kassier, Herrn Gebhard Seitz, für das Vertrauen und die Wertschätzung, die mir in hohem Mass entgegengebracht wurde.
— allen Ratsuchenden, denen ich Wegbegleiter sein durfte und Anstösse zu Wandlung und Reifung geben konnte.

Lic. phil. Felix Häne, Psychotherapeut SPV
Rorschach, Januar 2012