«Liebe braucht Achtsamkeit»
Der Wunsch nach einer festen, dauerhaften und glücklichen Partnerschaft ist bei den meisten Männern und Frauen tief verwurzelt und gehört zu den wichtigsten Lebenszielen. Und dennoch endet für viele Paare die Beziehung, in der sie Glück, Geborgenheit und Nähe gesucht haben, in einer schmerzhaften und oft tief verletzenden Erfahrung. Da drängt sich die Frage natürlich auf: Wenn wir doch so sehr wollen, warum klappt es dann nicht?
Liebe schwindet nicht von heute auf morgen. Sie löst sich nicht plötzlich in Schall und Rauch auf. Die Partnerliebe wird in den meisten Fällen langsam und allmählich verschüttet. Sie zerbricht leise am Alltagsmüll, den beide Partner aus Sorglosigkeit und Unachtsamkeit auf ihr abladen.
Man kann mit noch so vielen Trümpfen wie Liebe, Schönheit, sexuelle Anziehung, Status, Reichtum oder Intelligenz eine Paarbeziehung beginnen. Auf lange Sicht und ohne grosse Investitionen beider Partner garantieren sie nicht, dass eine Partnerschaft glücklich, erfüllend und von Dauer ist. Die Partnerliebe ist wie eine schöne Pflanze. Wer will, dass sie gedeiht und blüht, muss sie hegen und pflegen. Sie braucht im richtigen Mass Wasser und Dünger. Und gelegentlich gilt es, den Topf zu wechseln, weil der alte zu klein geworden ist. Eine Pflanze pflegen ist eine ständige Aufgabe – genau wie die Pflege der Liebe.
Aber wie geht das: die Liebe pflegen? Was heisst: sich für die Partnerschaft einsetzen? Welche Kompetenzen sind auf unserer Beziehungsreise denn wichtig? Welches Wissen und welches Tun ist nützlich und trägt dazu bei, die Liebe zu erhalten?
Eigentlich ist es komisch, dass wir fast mehr darin geübt sind zu beschreiben, warum Paare scheitern. Unsere Gesellschaft interessiert sich irgendwie mehr für die hohen Scheidungszahlen, für sensationelle Berichte über gescheiterte Ehen, für die täglich in allen Massenmedien verbreiteten Beiträge über Sex und Gewalt, über Egoismus und die Bindungsunfähigkeit so vieler Menschen.
Ehrlich gesagt: Ist es nicht unwichtig und auch wenig hilfreich, so oft über das Scheitern von Liebe zu erfahren? Es gibt ja auch die vielen Männer und Frauen, denen ihre Beziehung gelingt, die ihre Liebe auf Dauer bewahren und sogar vertiefen. Das ist doch die wirklich wichtige Frage: nicht was Paare scheitern, sondern was sie gerade nicht scheitern lässt.
Darüber weiss man inzwischen sehr viel. Die Beziehungsforschung legt den Schwerpunkt schon länger mehr auf die Suche nach dem, was der Liebe guttut, was sie nährt und was sie gelingen lässt. Aber auch mein ganzes Engagement – in den vielen Gesprächen mit Ratsuchenden an der Eheberatungsstelle in Altstätten, an Ehevorbereitungskursen, mit meinen Jahresberichten und in diversen Formen von Öffentlichkeitsarbeit – hatte und hat ein bevorzugtes Ziel: Menschen in der Pflege ihrer Liebe und in der Entwicklung und Vertiefung ihrer Beziehung zu begleiten und zu unterstützen.
In meinem zweitletzten Jahresbericht bleibe ich diesem Ziel treu. Ich möchte den Leserinnen und Lesern vorstellen und näher erläutern, was vielleicht das Wichtigste überhaupt für die Pflege einer Partnerschaft ist – wie es der bekannte Paartherapeut und Autor Hans Jellouschek nennt und von dessen vielfältigen Ausführungen zu diesem Thema ich mich im Folgenden anregen lasse – nämlich: achtsam sein.
Am Anfang der Beziehung ist die Aufmerksamkeit beider Partner füreinander noch sehr gross. Jeder spürt förmlich, was der andere braucht. Und oft liest einer dem anderen die Wünsche sogar von den Augen ab. Diese Wachheit der Sinne droht verloren zu gehen, wenn zwei Partner sich entschliessen, das Leben auf Dauer miteinander zu teilen und den Alltag miteinander zu verbringen. Die Zeit strapaziert unsere Aufmerksamkeit füreinander. Jeder braucht so viel Energie für die Bewältigung des Alltags, für die Kinder, den Beruf, dass die Achtsamkeit für die Beziehung ständig kleiner wird.
Da kann es passieren, dass der eine aus dem anderen so etwas wie ein Möbelstück macht, das zwar vertraut ist, über das man aber auch stolpert und manchmal einfach beiseiteschiebt. Oder Partner werden füreinander zu Mülleimern, in den jeder seinen Abfall kippt oder auch zu Klagemauern, an denen beide jammern. Oft macht einer den anderen auch zum unbezahlten Knecht oder zur Magd mit der Erwartung, dass er die unangenehmen Arbeiten erledigt und sie die hinterlassene Unordnung aufräumt. Den Partner zum Möbelstück machen, zum Mülleimer, zur Klagemauer, zur Magd oder zum Knecht: Das sind Formen von Unachtsamkeit, wie sie sich in vielen Paarbeziehungen im Laufe der Jahre – mehr unbewusst als bewusst – einschleichen. Die Partner entwickeln dann mit der Zeit zwar eine etwas dickere Haut, um den Zustand nicht schmerzlich zu spüren, aber mit einer wirklich lebendigen Liebe hat dies nichts mehr zu tun.
Aber selbst offensichtliche und schwere Verletzungen fügen sich Partner selten aus bösem Willen zu und oft auch nicht aus einem Mangel an Zuneigung, sondern wiederum aus Unachtsamkeit. Man denkt nicht dran, man lässt sich von einer Situation überrumpeln und von Impulsen steuern, über die man sich selbst keine Rechenschaft gibt – und schon ist es passiert: Der Partner ist getroffen, verschliesst sich gekränkt oder schlägt zurück. Natürlich spielen in einem solchen Zusammenhang auch tiefere Probleme eine Rolle, die mit der Geschichte des Paares und ebenfalls mit der Geschichte der Partner zu tun haben. Aber zunächst ist es einfach Unachtsamkeit. Ich bin nicht «bei mir», nicht wirklich «da», sondern mit meiner Aufmerksamkeit irgendwo anders. Was fehlt, ist – schlicht und präzis auf den Punkt gebracht: Achtsamkeit.
Was versteht man unter «Achtsamkeit»?
Achtsamkeit als tägliche Übung spielt in den östlichen Meditationsformen, vor allem im Zen-Buddhismus und ähnlichen Richtungen, eine zentrale Rolle. Seit diese Formen auch bei uns weithin praktiziert werden, sind Begriff und Praxis der Achtsamkeit in den Westen gekommen. Diese spielt nicht nur in der Spiritualität eine grosse Rolle. Sie ist inzwischen ein wichtiger Begriff in der Psychotherapie geworden und ein erfolgreich angewandtes Mittel in der Bewältigung von Stress. Und mehr und mehr wird auch klar, welch grundlegende Fähigkeit «Achtsamkeit» ist für ein erfolgreiches tägliches Zusammenleben eines Paares.
Achtsamkeit bedeutet «Aufmerksamkeit auf das Gegenwärtige», auf den momentanen Augenblick, auf das, was hier und jetzt ist. Mit unserer Aufmerksamkeit – gerade auch im Alltag der Paarbeziehung – sind wir jedoch häufig in der Zukunft, bei dem, was uns bevorsteht, bei Anliegen, die wir verfolgen, bei Zielen, die wir haben, bei der Angst vor dem, was auf uns zukommt. Oder vielleicht noch häufiger haften wir an dem, was in der Vergangenheit geschehen ist, was unerledigt ist, was uns mit schlechten Gefühlen und Sorgen erfüllt.
Achtsamkeit im Umgang mit dem Partner hat etwas mit Achtung zu tun. Das ist eine Haltung von Wertschätzung und Sorgfalt, die den Partner wahrnimmt und das, was bei ihm gerade aktuell ist, sein Befinden, seine Gefühle, seine Handlungen, sein Verhalten und aus dieser Haltung heraus dann sorgfältig mit all dem umgeht und auf ihn reagiert.
Was heisst das jetzt ganz konkret? Was heisst «Achtsamkeit in der Partnerschaft?» Das möchte ich im Folgenden erläutern.
Achtsamkeit heisst:
1. Die Partner sind sorgfältig im Umgang miteinander
2. Die Partner leben im Hier und Jetzt
3. Die Partner sind füreinander empathisch
4. Die Partner betonen das Positive in der Beziehung
5. Die Partner pflegen Rituale
1. Die Partner sind sorgfältig im Umgang miteinander
Der Alltag gibt einem Paar unzählige Möglichkeiten, Achtsamkeit zu trainieren; denn gerade in den Formen des täglichen Umgangs miteinander geschehen viele kleine Verletzungen. Es schleichen sich Gewohnheiten bei einem der Partner oder beiden ein, die den andern stören und durch die er sich achtlos behandelt fühlt. Nur in der ersten Zeit der Liebe ist unsere Achtsamkeit für den Partner wie von selbst auf die höchste Stufe geschaltet. Diese automatische Schaltung hört mit der Zeit auf in dem Mass wie der Partner mir zunehmend vertraut wird. Der Gruss am Morgen, das «Gute Nacht» vor dem Einschlafen, die Begrüssung, wenn der Partner nach Hause kommt, mich vom Partner verabschieden und ihm wieder begegnen, die Manieren bei Tisch etc., das alles kann im Beziehungsalltag leicht verkommen.
Es ist wichtig, auf solche äusseren Formen zu achten. Es bringt zum Ausdruck, dass der Partner eine Persönlichkeit ist, der ich mit Achtung begegne. Achtung füreinander ist noch nicht Liebe, aber Liebe setzt die Achtung vor dem anderen voraus, sonst entwickelt sich Verachtung daraus. Diese ist mit Liebe nicht zu vereinbaren.
Das Gesagte gilt auch für die Formen des intimen Umgangs der Partner miteinander: für das Küssen, sich Berühren, einander Halten und Umarmen. Auch hier gehen im Laufe der Jahre diese Gesten oft entweder ganz verloren oder verkommen zu flüchtigen Äusserlichkeiten. Bei vielen Paaren führt das oft auch zu einem Einschlafen der sexuellen Beziehung. Vor allem Frauen verlieren die Lust auf Sex, wenn keine sorgfältigen Formen der Zärtlichkeit mehr existieren und die Männer, wenn sie den Wunsch nach Sexualität verspüren, praktisch mit der Türe ins Haus fallen. Achtsamkeit in der Beziehung besteht eben wesentlich auch darin, die körperlichen Ausdrucksformen von Liebe in ihrer ganzen Vielfalt zu pflegen und dadurch die Liebe lebendig zu halten.
Zu einem achtsamen Umgang eines Paares im Alltag gehört weiter die Körperhygiene. Auch da besteht in längerfristigen Beziehungen die Gefahr, dass Partner mit der Zeit nachlässig werden. Es ist wichtig, dass Partner einander ihre diesbezüglichen Bedürfnisse mitteilen und sich aufeinander abstimmen. Beide müssen sich «riechen» können, wenn eine Beziehung auf Dauer funktionieren soll.
Die genannten Formen der Achtsamkeit im täglichen Umgang eines Paares brauchen Übung und Disziplin. Man kann sich nicht auf die jeweilige Stimmung verlassen oder auf Spontaneität. Wenn sich in einem Partner jedoch alles dagegen sträubt, dem andern höflich zu begegnen, ihn zärtlich zu berühren, den Körper zu pflegen etc., dann ist es ein Zeichen, dass eine grundsätzlichere Auseinandersetzung über die Beziehung ansteht, die möglichst bald geführt werden sollte.
2. Die Partner leben im Hier und Jetzt
Achtsamkeit ist – wie oben gesagt – «Aufmerksamkeit auf das Gegenwärtige». Das fehlt, wenn der eine Partner für den andern zum Mülleimer oder zur Klagemauer wird. Dann hänge ich ihm etwas an, was nichts mit ihm und nichts mit hier und jetzt zu tun hat. Ich gebe eine mürrische Antwort, weil vorhin auf der Strasse mich jemand unverschämt angesprochen hat. Ich ziehe mich schweigsam zurück, weil mich gerade ein Artikel in der Zeitung geängstigt hat. Ich reagiere nicht auf den Partner, weil ich mich gerade mit Sorgen um die Tochter herumplage. Ich bin beim Frühstück mürrisch zu ihm, weil ich schlecht geschlafen habe. Oder die Frau hat mir das Lieblingsgericht gekocht, und ich nehme es gar nicht erfreut und dankbar wahr, weil ich mit meinen Gedanken noch der Arbeit nachhänge oder meine Gedanken schon beim nächsten Tag sind, wo eine anspruchsvolle Aufgabe auf mich wartet, ein Gespräch, das unangenehm ist, ein Projekt, das mich überfordert. Natürlich kann man für solches Verhalten Verständnis haben, aber für die Paarbeziehung geht eine Chance verloren: Seiner Frau in die Augen zu schauen, nach ihrer Hand zu greifen und zu sagen: «Das schmeckt gut. Schön, dass Du gerade an diesem anstrengenden Tag mich mit meiner Lieblingsspeise überrascht hast.» Leben im Hier und Jetzt würde diese Chance ergreifen. Nur das Hier und Jetzt ist Realität. Die Vergangenheit ist vorbei und die Zukunft noch gar nicht da. Nur wenn wir den gegenwärtigen Augenblick achtsam und sorgfältig wahrnehmen, erschliesst sich uns der Reichtums unseres Lebens und unseres Zusammenlebens.
3. Die Partner sind füreinander empathisch
Empathie ist eigentlich das Organ unserer Beziehungsfähigkeit und heisst: Ich kann mich in die Lage des andern einfühlen, mich in ihn hineinversetzen, mich in seine Schuhe stellen, die Dinge aus seiner Perspektive betrachten und nachempfinden. Wer empathisch sein kann, ist zugleich ganz bei sich und ganz beim andern. Tendenziell laufen Frauen Gefahr, zu sehr auf die Seite des andern zu gehen und sich dabei selber zu verlieren, vor allem wenn sie als Hausfrauen und Mütter jahrelang geübt haben, für die anderen da zu sein. Männer müssen eher darauf achten, dass sie nicht in ihrer Wirklichkeit gefangen und bei ihrer Wahrheit stehen bleiben und deshalb nicht wirklich mitbekommen, was beim Partner los ist.
Den Partner empathisch für mich zu erleben, heisst, dass ich merke: Er hat Interesse an mir. Er kann nachvollziehen, was mich gerade beschäftigt. Er ist offen für mein Befinden und reagiert verständnisvoll und wohlwollend darauf. Ich bekomme von ihm eine positive Resonanz. Nichts ist für unser psychisches und physisches Wohlbefinden wichtiger als immer wieder diese Erfahrung zu machen. Die Empathie des Partners lässt uns spüren, dass wir für ihn wichtig sind und ihm viel bedeuten.
Frauen und Männer seien zu verschieden, als dass einer den anderen wirklich verstehen könnte, heisst eine oft geäusserte Ausrede. Das unterscheidet ja gerade die Menschen von den Tieren, dass sie das Eigene relativieren und sich in den anderen hineinversetzen können. Auch wenn der Partner sehr anders ist als ich, ich kann lernen, ihn zu verstehen, seine Handlungen nachzuvollziehen, mit ihm mitzuschwingen, ihm mit Interesse zu begegnen und auf ihn und seine Wünsche einzugehen. Das gelingt allerdings nicht spontan. Es verlangt eine bewusste Anstrengung. Es ist ein Weg, den wir gehen müssen. Empathie bedeutet ja, dass wir die Grenzen unseres eigenen Ichs übersteigen und uns in Richtung des anderen bewegen. Diese Bewegung über uns selbst hinaus ist anspruchsvoll. Aber sie ist genau das, was wir Liebe nennen.
4. Die Partner betonen das Positive in der Beziehung
Durch Alltag und Gewöhnung verlieren auch die faszinierendsten Eigenschaften des Partners ihren Neuigkeitscharakter. Wir sind von ihnen nicht mehr so beglückt wie am Anfang und finden sie auch nicht mehr so erwähnenswert. Dazu kommt, dass im Laufe der Zeit auch Seiten am anderen sichtbar werden, die uns nicht passen, die uns fremd und zunehmend auch störend vorkommen: «Sie braucht so ewig lang im Bad. Er räumt seine Schuhe nicht weg, wenn er heimgekommen ist. Sie ist so unpünktlich, er so aufbrausend.» Und weil das zunächst Kleinigkeiten sind, sagen wir lange nichts, obwohl es uns stört. So verlagert sich unsere Aufmerksamkeit langsam auf die Seite des Negativen. Und das Positive, an das wir uns gewöhnt haben, tritt immer mehr in den Hintergrund. Schneller als wir es für möglich halten beginnen wir, den Partner zu kritisieren. Die Kritik wird schärfer, abwertender, sodass dieser sich in seiner Person angegriffen fühlt, sich verteidigt und bald einmal zum Gegenangriff übergeht, indem er seinerseits nun beginnt, dem Partner die negativ empfundenen Eigenschaften und Verhaltensweisen vorzuhalten. So bauen sich in der Beziehung negative Kreisläufe auf, die sich immer mehr verstärken und an Schärfe zunehmen, so dass es für die Partner immer schwieriger wird, einen Ausweg ins Positive zu finden.
Die Unachtsamkeit gegenüber den negativen Kreisläufen unterspült das Fundament einer Paarbeziehung und schafft akute Einsturzgefahr für das ganze Beziehungsgebäude. Deshalb ist es ein zentraler Teil der Achtsamkeit in einer Paarbeziehung, dass beide Partner zunächst dafür sorgen, dass die negativen Muster gestoppt und mehr und mehr überhaupt vermieden werden, weil sie sonst das Ende der Beziehung einleiten.
Stoppen und vermeiden genügt natürlich nicht. Es geht darum, dass wir unsere Aufmerksamkeit wieder bewusst auf das Positive lenken. Das haben wir nämlich weitgehend in der Hand. Ich kann daran denken, was mir heute am Partner gefallen hat, oder ich kann es übergehen und mich bei dem aufhalten, was mir an ihm auf die Nerven gegangen ist. Es gibt viele Menschen, die sich lieber ans Negative klammern, sich mit Vorliebe über etwas aufregen und sich mit Inbrunst ärgern. Es ist ein wichtiger Teil der Lebens- und der Beziehungskunst, die Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf das Positive zu trainieren. Und es braucht ein Training, weil die Erfahrung zeigt, dass das Negative eine grössere Anziehungskraft entwickelt. Deshalb müssen wir als Gegengewicht dazu die Aufmerksamkeit bewusst auf das Positive hin steuern. Das ist das erste. Das zweite ist: Das Positive muss dem Partner auch mitgeteilt werden. Es genügt nicht, wenn wir es für uns behalten. Erst wenn es beim anderen auch ankommt, wenn wir es kommunizieren und miteinander teilen, wird es zur gemeinsamen Beziehungsrealität.
Konkret heisst das: Es ist wichtig, dass wir registrieren, was uns an konkreten Verhaltensweisen des Partners gefällt, und dies mitteilen: «Gestern Abend warst Du eine ganz tolle Gastgeberin.» «Wie Du dem Vermieter seine Grenzen aufgezeigt hast, hat mir imponiert.»Weiter tut es einer Beziehung gut, wenn wir positive Eigenschaften des Partners immer wieder betonen: «Ich mag Dein Lachen.» «Ich finde Deine langen Haare so schön.» «Du bist so ein toller Vater für unsere Kinder.» Wichtig ist auch, dass sich die Partner immer wieder an die positiven Ereignisse der Vergangenheit erinnern: «Weisst Du noch, wie wir zum ersten Mal diese Wanderung gemacht haben?» «Letztes Jahr um diese Zeit waren wir doch mit unseren Freunden zusammen.» «Kannst Du Dich noch daran erinnern, wie wir uns kennengelernt haben?»
Das Positive in der Beziehung betonen, bedeutet nicht, dem Partner «Honig ums Maul schmieren.» Und noch weniger heisst es, den anderen aus Berechnung loben oder aus taktischen Gründen anerkennen. Das hätte auf die Beziehung eine schlechte Wirkung. Es geht weder um Taktik noch um Strategie, sondern um Achtsamkeit. Diese verlangt eine Entscheidung zur Einstellung: Das Glas ist halb voll und nicht halb leer.
5. Die Partner pflegen Rituale
Eine weitere Möglichkeit, im Beziehungsalltag achtsam zu sein, ist die Pflege von «Ritualen». Sie haben für die Qualität einer Paarbeziehung heute mehr denn je eine grosse Bedeutung. Beim Wort «Ritual» denken wir vielleicht zuerst an leere Formen und Formeln, weil wir Rituale oft aus unserer gesellschaftlichen und kirchlichen Tradition kennen. Es sind Vorgänge und Handlungen, die wir innerlich häufig nicht wirklich nachvollziehen können, die wir aber dennoch mitmachen. Weil die Menschen sich Ritualen zunehmend nicht einfach unterwerfen, sondern diese auch verstehen wollen, ziehen sie sich von Ritualen zurück, machen sie nicht mehr mit und distanzieren sich davon. Dabei geht aber etwas verloren, auch für die Paarbeziehung. Wenn wir die Sonntagsruhe nicht mehr pflegen und die Feier kirchlicher Feste und dergleichen aufgeben, verlieren wir wichtige Möglichkeiten, in denen wir Musse pflegen, Freiraum geniessen oder miteinander feiern. Und wenn wir noch dazu nehmen, dass auch viele feste Zeiten im Alltag, das gemeinsame Essen etwa, immer mehr wegfallen, dann treffen sich Partner fast nur noch zu gemeinsamer Organisation und Pflichterfüllung für Existenz, Kinder und Familie. Es gibt immer weniger von aussen gegebene und geschützte Möglichkeiten für eine persönliche Begegnung der Partner. Deshalb ist es immer wichtiger, dass Paare sich individuelle Rituale schaffen, um miteinander und füreinander Zeit zu haben und sich zu begegnen als Mann und Frau.
Wie können solche Rituale aussehen? Ein typisches Merkmal von Ritualen sind wiederkehrende Zeiten. Paare müssen sich Freiräume, die in regelmässigem Rhythmus wiederkehren, schaffen und sie auch verbindlich einführen: Regelmässige Zeiten, in denen wir als Paar nach Feierabend noch miteinander spazieren gehen; in bestimmten Abständen Wochenenden, an denen wir als Paar allein etwas unternehmen oder ein Abend in der Woche, an dem wir uns zusammensetzen und darüber reden, was uns in der vergangenen Woche berührt, angesprochen oder besonders beschäftigt hat.
Ein weiteres Element des Rituals ist sein ähnlicher oder immer gleicher Ablauf. Auf das Paar-Ritual übertragen heisst das: Wir geben uns einen Rahmen für unsere regelmässige Paar-Zeit vor. Wir gehen beispielsweise am ersten Freitag im Monat in ein bestimmtes Lokal und setzen uns an den gleichen von uns reservierten Tisch, einer von uns bestellt immer dasselbe Getränk, hebt sein Glas und fragt den Partner: «Was haben wir denn heute zu feiern?» Darauf sammeln wir alle Gründe, die wir zum Feiern haben. Oder wir vereinbaren als Ritual, dass wir jede Woche einen bestimmten Abend für uns als Paar reservieren und dass in der einen Woche ich dran bin mit der Gestaltung dieses Abends, in der darauffolgenden Woche der Partner. So haben wir abwechselnd die Möglichkeit uns überraschen zu lassen und die Verantwortung für die Gestaltung des Abends zu tragen. Aus der Paarberatung weiss ich von vielen Paaren, bei denen diese oder ähnliche Rituale sehr zur Verbesserung der Beziehungsqualität beigetragen haben.
Zum Schluss möchte ich noch anfügen, dass auch die Sexualität eines Paares zu den wichtigen Ritualen gehören sollte. Die Lebendigkeit gemeinsamer Sexualität unter-liegt in langjährigen Beziehungen eben den gleichen Verschleisserscheinungen wie alles andere. Eros und Sex sind keine von selber nachwachsenden Ressourcen. Paare müssen ihre körperliche Intimität pflegen und pflegen wollen, wenn es ihnen wichtig ist, auch diesen Bereich ihrer Beziehung lebendig zu erhalten. Dabei ist es ratsam, dass sie nicht auf das grosse Verlangen warten, sondern aufeinander zugehen, um auch den sexuellen Kontakt miteinander in einer gewissen Regelmässigkeit zu pflegen. Rituale können dabei helfen. Sie könnten zum Beispiel darin bestehen, dass das Paar sich auch für die gemeinsame Sexualität regelmässig wiederkehrende Zeiten und Räume reserviert. Hilfreich kann wie bei anderen Paar-Ritualen auch sein, wenn abwechselnd einmal der eine, dann wieder der andere Initiative und Verantwortung für die Gestaltung übernimmt. Sexualität im Alltag eines Paares wird nicht mehr so leidenschaftlich sein wie in der Phase der Verliebtheit. Sie kann aber auf einer anderen Ebene viel intensiver erlebt werden. Wenn die Partner nicht mehr einfach vom intensiven Verlangen zur Sexualität hingerissen werden, sondern diesen Bereich bewusst pflegen und gestalten, können sie sich unter Umständen viel tiefer begegnen und Sexualität durchaus als spirituelles Ereignis erleben, in dem beide Partner gemeinsam über sich hinauswachsen.
Wir stehen heute durch den in den Medien verbreiteten Zeitgeist in der Gefahr, die grossen Liebesgefühle zu überschätzen und gleichzeitig zu unterschätzen, welche Bedeutung die tägliche Übung, dem Partner bewusst achtsam zu begegnen, für die Beziehung hat. Ja, es sei sogar das Wichtigste überhaupt in einer Partnerschaft, wie Hans Jellouschek in seinem lesenswerten Buch «Achtsamkeit in der Partnerschaft» schreibt. Die Liebe zwischen Mann und Frau braucht die Achtsamkeit in den kleinen Dingen des Alltags: Sie ist die Brücke, über die wir die Liebe aus der Zeit der Verliebtheit in den Alltag auch einer langdauernden Paarbeziehung hinüberretten können. Sie ist der tägliche Reiseproviant, der die Liebe kräftig und gesund hält. Sie ist manchmal auch der Wasservorrat, der uns über die Durststrecken dieser Wanderung durchhalten lässt – bis wir dann eine Oase erreicht haben, in der die Liebe wieder blüht.
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Quellen:
Hans Jellouschek: Achtsamkeit in der Partnerschaft, Kreuz-Verlag.
Hans Jellouschek: Wenn Paare älter werden, Herder-Verlag.
Literatur:
Guy Bodenmann, Caroline Brändli: Was Paare stark macht, Beobachter Buch-Verlag.
