MANN - WENN ES IN DER BEZIEHUNG ENG WIRD

„Mich zurückzuziehen war mein bevorzugtes Verhalten, wenn es mir in der Beziehung zu eng wurde. In guten Zeiten Lebemann wie ein Macho, aber wenn es mir bei der Arbeit oder persönlich schlecht ging, flüchtete ich mich ins Alleinsein. - Ich habe es nie gelernt von mir zu reden oder gar für mich Hilfe in Anspruch zu nehmen.“ So sagt ein Mann, der sich in seiner immer grösser werdenden Not an die Ehe- und Familienberatung wendet.

Lernen, Hilfe anzunehmen
Sich in Sachen Autokauf Informationen über einen Händler zu holen, das ist heute selbstverständlich. Sich für den Umgang in der Beziehung oder in Sachen Kommunikation Hilfe zu holen, das erfordert für Männer viel Mut. Endlich den Telefonhörer in die Hand zu nehmen und um einen eigenen oder gemeinsamen Termin zu bitten, damit ist die erste Hürde geschafft. Die Anzahl der um Hilfe bittenden Männer hat in den vergangenen Jahren stets zugenommen. Auch sind es Männer jeden Alters, die die Hilfe der Beratungsgespräche in Anspruch nehmen. Die Meisten glauben aber immer noch, mit den eigenen Problemen alleine fertig werden zu müssen. Es stimmt, die eigentliche Veränderungsarbeit macht jeder Mensch für sich, aber wenn mit Hilfe von einem Berater oder einer Beraterin Zusammenhänge des eigenen Verhaltens verstanden werden und neues Verhalten geübt werden kann, dann fühlt „man“ sich bestärkt für anderes Umgehen in der Beziehung, manchmal sogar mit Arbeitskollegen.

Meine Situation ansprechen
Männer überschätzen schon mal die eigene Belastbarkeit, unterschätzen oft die eigene Belastung, kennen zu wenig ihr eigenes Stressverhalten. Männer tun sich schwer, ihr Befinden in Worten auszudrücken. Gespräche mit Männern sind eher kürzer, weil sie dann auch schnell auf den Punkt kommen. Wenn Männer in die Beratung kommen, ist schnell gesagt, was das Anliegen ist. Sie wollen sich verstanden fühlen, suchen Orientierung oder erwarten einen Hinweis, der sich schnell umsetzen lässt.
Das Vertrauen der männlichen Klienten in der Beratungsstelle wird vor allem über das Zuhören gewonnen. In eigenen Angelegenheiten schätzt es der Mann, wenn sich der Berater oder die Beraterin zurücknimmt, nicht sofort urteilt und schon gar nicht wertet, was da oft zaghaft aus dem eigenen Leben berichtet wird. Veränderungs- und Lösungsprozesse einer schwierigen Lebens- und Beziehungssituation werden dann gemeinsam mit dem Klienten entwickelt.

Richtungswechsel – Wechseljahre
Es ist ja verständlich, dass „man“ irritiert ist, wenn um die Lebensmitte bisheri-ges Reden und Verhalten im Umgang mit anderen nicht mehr so passt. Schliesslich sind in allen Lebensbereichen, nicht nur auf sexuellem Gebiet, die Jüngeren gerade dabei, ihn endgültig zu überholen und ihn dabei alt aussehen zu lassen. In der Firma wird plötzlich ein Jüngerer für eine verantwortliche Aufgabe herangezogen, im Sport wechselt „man“ in die zweite oder dritte Liga, spielt „alte Herren“. Und zu Hause wachsen die ersten Kinder dem Vater über den Kopf oder haben ihn gar schon zum Grossvater gemacht. Da ist ein Richtungswechsel angesagt! Es geht um die Kurve!
Diese Zeit mit ihrer Bewegung ist neben der Pubertät wohl die grösste Kurve im Leben eines Menschen! Und sie dauern – die Richtungs-Wechseljahre. Hier wird es daher auch gefährlich. Wenn ein gelungenes Leben wie ein Kreis beschrieben werden kann, dann kommt jetzt im Zenit des Lebens, zum ersten Mal die Herkunft in den Blick. Jetzt erkennt „man“ (und seine Frau), dass er seinem Vater oder seiner Mutter immer ähnlicher geworden ist. Trotzdem: „Man“ muss nach vorne schauen. Die Heimreise beginnt. Jetzt auf einmal fragt „man“ intensiver: „Wer bin ich (geworden)?“ Das hört sich anders an, als in den vergangenen Jahren: „Was kann ich? Was will ich und was muss ich leisten?“
Welche Herausforderung hält das Leben für den Mann in den Wechseljahren bereit? Wenn der Siegeszug ins äusserliche Leben, in Glanz, in Ausstrahlung, in Statussymbole und Kinder, in Geld und Macht nicht mehr weitergehen kann, dann steht die Kehrtwende an. Wenn Muskeln und Haut nicht mehr gestrafft werden können, was muss dann folgen? - Die Reise nach innen beginnt! Der Herbst, wie der Herbst des Lebens, beginnt schliesslich immer am Ende des Sommers. Jedes Jahr macht uns die Natur die stete Veränderung des Lebens vor. Sommer ist nicht Frühling und im Herbst ist es nicht wie im Sommer, der Winter ist anders wie der farbenfrohe stürmische Herbst. Warum sind alle Männer und auch Frauen so irritiert, wenn es nach vielen Jahren in unserer Beziehung nicht mehr so verliebt zu geht, wie damals im Frühling der Beziehung? - Meist ist von beiden Seiten vergessen worden an der Partner- schaft, am gemeinsamen Umgang, an der Kommunikation zu arbeiten. Erst im Herbst des Lebens die Dornen der Respektlosigkeit, das Gestrüpp der Achtlosigkeit, das viele Unkraut von verletzenden Diskussionen aus dem Beziehungsgarten zu beseitigen, ist wahrlich mühsam! Das lässt bestenfalls nach Hilfe rufen! - Auf jeden Fall ist es nie zu spät, mich für die gemeinsame Beziehung - auch mit Hilfe eines Beraters / einer Beraterin – einzusetzen. Voraussetzung ist aber, ich will etwas zum Guten in meiner Beziehung verändern.

Dr. Beate Boes, Stellenleiterin